Skip to content

* Eine historische Kurzgeschichte über Ziryab, den Schöngeist Andalusiens – Teil II: Ziryab in Cordoba

23. November. 2008

Ziryab, der Schöngeist Andalusiens     Teil II: Ziryab in Cordoba

Sami Alphan

Die Peitschenhiebe waren ziemlich stark gewesen, und die tiefen Wunden heilten langsam. „Tut es immer noch weh, ‘Ali?“ fragte Ziryabs Frau, als sie mit einer Mischung von heilenden Pflanzen die Wunden behandelte. Ziryab lachte mit einem schmerzverzerrten Gesicht: „Ich würde lügen, wenn ich nein sagte“. Der Knoten im Hals seiner Frau löste sich. Ziryab vergaß seine Schmerzen, als er seine Frau seinetwegen weinen sah und versuchte sie zu trösten: „Unser Brot ist immer in die Nähe der Sultane gelegt, und wie es so schön heißt ‘die Nähe des Sultans ist ein verbrennendes Feuer’, so fühle ich jetzt das Feuer an meinem Rücken. Sei froh, wir sind noch relativ gut davon gekommen. Es hätte auch schlimmer enden können.“ Doch Trost fand sie auch bei diesen Worten nicht und weinte weiter. Es waren einige Jahre vergangen, als Ziryab Bagdad mit Familie und Freunden verlassen musste. Nach einer langen Zeit der Rast und Reise in verschiedenen Ländern ging er in Kairouan in die Dienste des Aghlabiden Zijadat Allah. Nachdem er aber erkannt hatte, dass seine Fähigkeiten auch hier nicht anerkannt werden und er seine Kreativität allmählich verliert, versuchte er, sich nach Andalusien abzusetzen. Über Gesandte wurden erste Kontaktegeknüpft, und in Cordoba bekundete der ‘Umaijade Al-Hakam, der Enkelsohn des ersten ‘umajadischen Emirs Abdurrahman I. in Andalusien, sein Einverständnis. Zijadat Allah jedoch bekam davon Wind und ließ Ziryab zur Strafe vor allen Hofleuten auspeitschen. Danach durfte er gehen, wohin er wollte.

Eine Woche nach dieser öffentlichen Auspeitschung klopfte es an Ziryabs Tür in Kairouan. Der Mann vor der Tür äußerte den Wunsch, den im Bett liegenden Ziryab zu besuchen. Er wurde hineingelassen, denn man hielt ihn für einen Freund Ziryabs, der ihn besuchen und baldige Genesung wünschen möchte. Als er bei Ziryab ankam, holte er einen versiegelten Brief heraus und überreichte ihn dem Mann im Bett.

Der Besucher fing an, den Inhalt des Briefes zusammenzufassen: „Der Emir Al-Hakam wünscht euch eine baldige Genesung und möchte euch bald an seinem Hofe in Cordoba sehen.“ „Allah möge ihn mit Gutem belohnen“, erwiderte Ziryab, „sobald ich wieder gesund bin, werde ich mich auf die Reise begeben. Es ist für mich eine außerordentlich große Ehre, dass der Emir mir persönlich seine Genesungswünsche und die Einladung übermittelt.“

Als das Schiff am andalusischen Hafen Algericas (arab.: Al-Dschaziratu’l-Hadra) vor Anker ging, wurde der Musiker von einer Hiobsbotschaft überrascht: Der andalusische Emir Al-Hakam war verstorben, während Ziryab und seine Gefolgschaft das Mittelmeer überquerten.

Als sie verzweifelt am Hafen standen und sogar eine Rückkehr nicht mehr ausgeschlossen war, kam ihnen lächelnd ein Mann entgegen. „Herzlich willkommen, Meister, herzlich willkommen. Ich freue mich, euch in Andalusien im Namen des Emirs Abdurrahman II. empfangen zu dürfen und eure Bekanntschaft zu machen“. Seinen Kleidern nach war er jüdischen Glaubens, und er fuhr fort: „Erlaubt mir, mich vorzustellen; mein Name ist Mansur und ich bin bei Hofe in Cordoba als Hofmusiker tätig. Der neue Emir beauftragte mich, euch zu empfangen und euch zu versichern, dass alles, was sein verstorbener Vater Al-Hakam euch versprochen hat, auch er einhalten werde.“ Mansur hatte sehr viel über Ziryab gehört und konnte es kaum erwarten, ihm in Cordoba beim Gesang zuhören zu können. Sie unterhielten sich auf dem weiten Weg in die Stadt über Ziryabs neue Musikart und seine Innovationen. Je mehr Ziryab erzählte, desto mehr stieg die Bewunderung Mansurs für den Mann in den eleganten Kleidern. In Cordoba angekommen, wurden Ziryab und sein Gefolge in einem der schönsten Häuser untergebracht. Abdurrahman II. ließ ihn zum Abendessen kommen und stellte ihn anderen wichtigen Personen aus der Verwaltung und dem Hof vor. Das Essen wurde nach den alten Traditionen aus der Zeit der Westgoten, die vor den Muslimen über Andalusien herrschten, serviert und gegessen, was Ziryab enttäuschte; es herrschte ein regelrechtes Durcheinander ohne Gleichen. Als Lebenskünstler und Meister der östlichen Essgewohnheiten und der edlen Tischregeln registrierte er mit aufmerksamen Blicken das Geschehen und versuchte, sich von den Angewohnheiten der Andalusier ein Bild zu verschaffen. Es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen den Gewohnheiten in Osten, wie zum Beispiel in Bagdad und Samarra, und denen in Cordoba.

Nach dem Essen unterhielten sich Ziryab und Abdurrahman II. bis in die späte Nacht. Der ausgewanderte Künstler erzählte über sein Leben in Bagdad am Hofe Harun Ar-Raschids und über seine Interessen neben der Musik, in der er inzwischen eine Autorität war. Und als der Emir ihn als einer der Ehrengäste zum bevorstehenden Fest der Thronerhebung einlud, bat Ziryab ihn darum, das Fest selber organisieren zu dürfen. Der Emir war neugierig, was ihn erwartete. „Du hast meine Erlaubnis, und alle Bediensteten des Hofes stehen dir zu Diensten.“ Somit hatte Ziryab nach wenigen Tagen seiner Ankunft die Möglichkeit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Nach dem zeremoniellen Teil des Festes und der Entgegennahme der Huldigung durch die anwesenden Vertreter der andalusischen Gesellschaft begann das Festmahl. Abdurrahman II. erwartete eher ein musikalisches Spektakel, war aber von der Professionalität, dem Einfallsreichtum, der Ästhetik und Reibungslosigkeit der Organisation überrascht. Ziryab ließ die Meister der cordobanischen Kristallherstellung speziell für das Fest Gläser anfertigen, gegen die die bis dato vorhandenen Metallbecher ausgetauscht wurden. Tischdecken aus weichem, dünnem Leder ersetzten die Baumwolltücher, da sie einfach abzuwischen waren und dann keine Flecken mehr aufwiesen. Kurzerhand organisierte er auch die Speisefolge gänzlich um; nicht auf einmal, sondern der Reihe nach, angefangen mit leichter Kost und mit dem Nachtisch abschließend wurde das Essen serviert. Soweit es ihm möglich war, bereicherte er mit eigenen Rezepten das Menü. Musiker aus seiner Gefolgschaft spielten im Hintergrund mit fünfsaitigen Lauten seine neuesten Melodien, und durch ihre an die Jahreszeit angepassten Kleider und Frisuren unterschieden sie sich von den übrigen andalusischen Gästen. Abdurrahman II. war verwundert und zollte der Weitsicht seines verstorbenen Vaters mit dessen Entscheidung, Ziryab nach Andalusien einzuladen, großen Respekt. Der Emir erkannte das Talent Ziryabs und ließ ihn nach Ausklang des Festes zu sich kommen: „Komm Ziryab, komm, der Sängerfürst und Vater der Ästhetik möge hereinkommen. Ich danke dir für deine Organisation des Festes. Ich möchte, dass dein Stil sowohl in der Musik als auch in anderen Bereichen hier in Andalusien gelernt und weitergegeben wird. Du hast freie Hand.“ Ziryab hatte auf diesen Augenblick gewartet. Einer seiner Lebensträume könnte wahr werden. „Wenn ihr es erlaubt, würde ich gerne in Cordoba eine Musikschule einrichten und danach in den anderen Städten wie Ischbilija (Sevilla), Tulaitula (Toledo), Balansija (Valencia) und Gharnata (Granada)“

Abdurrahman II. gab, die beiden Hände ausstreckend, seine Zustimmung und sagte großzügig: „Ein Mann wie du muss in aller Ruhe arbeiten und seine Dienste leisten können. Du musst nicht um deinen Lebensunterhalt bedacht sein. Wenn du damit einverstanden bist, wirst du selbst demnächst monatlich 200 und deine Söhne jeweils 20 Dinar Gehalt bekommen. An den beiden hohen Festtagen – dem Ende des Ramadan und dem Opferfest – erhältst du dann zusätzlich fünfhundert beziehungsweise tausend Dinare als Festgeschenk. Des weiteren die Erträge mehrerer Landgüter, die du dir aussuchen kannst.“

Ziryab wurde verlegen und bedankte sich. „Ich werde mich in euren Diensten glücklich fühlen und mich bemühen, euch immer mit Gutem zu überraschen. Allah möge euch ein langes und glückliches Leben schenken. Wenn ihr es mir erlaubt, werde ich euch morgen einiges vorführen, wenn auch die übrigen Mitglieder eures Hofes anwesend sind“. Als der Emir dem zustimmte, bedankte Ziryab sich wieder und zog sich dann zurück.

Am nächsten Tag trat er in Begleitung zweier junger Männer vor den Emir Abdurrahman II. und den Anwesenden bei Hof in Cordoba auf. Nach einer kurzen Einführung fing Ziryab an zu sprechen: „Ich möchte euch auf diese beiden jungen Männer aufmerksam machen.“ Er legte eine Sprechpause ein und ließ somit den Anwesenden Zeit, sich die beiden Männer genau anzusehen. Dann setzte er seine Ausführungen fort. „Zu meinem Rechten seht ihr einen aus Cordoba, und zu meinem Linken einen aus meiner Gefolgschaft. Wie euch sicher aufgefallen ist, trägt der Cordobaner die Kleider, die er das ganze Jahr über trägt, obschon wir uns jetzt im Sommer befinden. Das führt im Grunde dazu, dass man im Sommer mehr als nötig schwitzt und sich nicht wohl fühlt. Zu meiner Linken aber seht ihr den Mann aus meiner Gefolgschaft in leichten weißen Kleidern; ihm wird weniger warm, und er fühlt sich in seinen Kleidern wohl. Im Winter hingegen sollte man eher bunte und dicke Kleider tragen. Dies führt zu besserer Gefühlslage und Wohlbefinden. Ich würde daher vorschlagen, diese Art der Bekleidung auch in Andalusien einzuführen.“

Bevor er die beiden jungen Männer gehen ließ, machte er Ausführungen über Körperhygiene, die in Andalusien in dieser Form nicht bekannt war. Er sprach: „Bestimmt ist es euch aufgefallen, wie meine Wenigkeit das Fest der Thronbesteigung organisiert hat, und wenn ihr damit zufrieden wart, so werde ich mich freuen, wenn dies in Zukunft in meinem Aufgabenbereich läge. Nach und nach werde ich auch euren Gaumen mit neuen, von mir selbst entworfenen Speisen überraschen.“

Die Anwesenden aus allen relevanten Gebieten der Verwaltung schauten Ziryab mit begeisterten Gesten an. Die Musikinteressierten waren ungeduldig und wollten Ziryab unbedingt an der Laute erleben. Als ob er diesen Wunsch von ihren Augen gelesen hätte, fügte er hinzu: „Meine Theorien und Erneuerungen in der Musik möchte ich, wenn ihr mir erlaubt, bei der Vorführung zu Ehren des Emirs Abdurrahman II. vorstellen.“ Ziryab schloss seine Ausführungen ab: „Ich bitte um Erlaubnis, mich zurückzuziehen. Aber wenn der Emir einverstanden ist, werde ich heute Nacht versuchen, ihm von der Kunst des unblutigen Kampfes zu erzählen und vorzuführen, wie man um einen Schach kämpfen kann, ohne den Platz zu verlassen und ohne sich zu rühren.“

Die Anwesenden konnten zwar nicht ahnen, was er mit den letzten Worten meinte, obwohl das Stichwort gefallen war. Abdurrahman II. aber war zuversichtlich über Ziryabs Fähigkeit, ihn mit interessanten Dingen zu überraschen, und machte seine Zuversicht mit einem Lächeln deutlich. Ziryab verließ den Saal, ohne zu wissen, dass seine Erneuerungen der vornehmen Lebensart und Kultur aufgrund ihrer praktischen Vorteile und Ästhetik sehr rasch durch von Adel und Bevölkerung übernommen und durch die nicht-muslimischen Andalusier sogar bis in die Herrscherhäuser der christlichen europäischen Länder übermittelt werden würden.

About these ads
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: