* Ic-cimiterju tat-torok / Der türkisch-osmanische Friedhof auf Malta

2009 Februar 11

Ic-cimiterju tat-torok


Der türkisch-osmanische Friedhof auf Malta

Sami Alphan

tor-zturmchen-fenster3Positiv überrascht wird der Urlauber auf Malta nicht nur durch das warme Wetter dort, das den Touristen in mediterraner Tradition schon beim Ausstieg aus dem Flieger herzlich Willkommen heisst. Die ersten akustischen Kontakte in Form von Durchsagen auf Malti, der Sprache der Malteser, und die Wörter in verschiedenen Hinweisschildern in lateinischem Schriftzeichen am Flughafen wecken noch dazu eine linguale Neugier; die Ähnlichkeiten mit dem Arabischen sind verblüffend und dies ist noch erst der Anfang der weiteren angenehmen aber auch manchmal wehmutigen Überraschungen auf Malta.

Geschichte und Sprache Maltas

316 km² kleine (der längste Durchmesser 37km) Insel Malta und ihr zugehörende Schwester-Insel Gozo liegen 95 km südlich von Sizilien im zentralen Mittelmeer und gehören somit geographisch und politisch zu Europa. Zum nächsten Land mit islamischer Bevölkerung, nämlich nach Tunesien, sind es nur 320 km, wo auch die Ursprünge der ersten Kontakte mit Muslimen liegen. Schon im Jahre 870 eroberten die Aghlabiden unter der Führung Omar Ubaydullah al-Aghlab aus Nordafrika die Inselgruppe. Aghlabiden erlaubten den Christen die freie Religionsausübung und führten Malta zu einer neuen kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit, durch welche der größte Teil der Bevölkerung zum Islam übertrat. Malta blieb bis 1090 in aghlabidischer Hand. Obwohl die Ursprünge der Malti auf die semitische Sprache der Phönizier* zurückgeht, die vom VIII. Jh. v. Chr. an bis um 480 v. Chr. die Insel beherrschten, wurde in der Zeit der Aghlabiden insbesondere die Sprache stark vom Arabischen geprägt, ; geographische, technische und landwirtschaftliche Begriffe, die zuvor es nicht gab, vermischten sich mit der vorhandenen semitischen Sprache zu Malti.

Die Normannen übernahmen die Kontrolle über die Insel im Jahre 1090. Dann fiel in 1194 Malta in die staufische Hand. Erst unter Friedrich II. im Jahre 1249 wurden die Muslime nach einem Aufstand aus der Insel vertrieben oder christianisiert. Dass auf der Insel gar keine historisch-religiösen Bauten aus aghlabidischer Zeit zu treffen sind, könnte unter anderem ihren Grund und Anfang in dieser Zeit haben.

Als die Johanniter-Ritter durch den osmanischen Sultan Suleyman dem Prächtigen in 1522 gezwungen wurden, die von ihnen seit 213 Jahren beherrschte Insel Rhodos zu verlassen, wurde ihnen Malta von Papst Clemens VII., der selbst ein ehemaliger Ordensritter war, als Heimat angeboten. Spaniens damaliger Herrscher Karl V., zu dessen Reich auch Malta gehörte, überließ Malta aufgrund der Fürsprache des Papstes im Jahre 1530 an den Johanniter-Orden.

Da die Insel militärisch-strategisch gelegen war, konnten die Ordensritter vor allem muslimische Handelsschiffe angreifen und deren Passagiere versklaven. Die Überfälle häuften sich und aus diesem Grunde waren die Johanniter aus Malta für die Osmanen ein Dorn im Auge. Die Schmerzgrenze für die Hohe Pforte war bereits überschritten als die Ordensritter im Jahre 1565 ein osmanisches Schiff kaperten und für den osmanischen Palast bestimmte kostbare Gegenstände beschlagnahmten. Zu dem versklavten sie auf diesem Schiff die Passagiere, die sich auf der Rückfahrt ihrer Hadschreise befanden. Suleyman der Prächtige ließ Vorbereitungen für die Fahrt auf Malta treffen. Die osmanische Flotte wurde am 18. Mai 1565 vor Malta gesichtet. Die osmanischen Soldaten gingen in der Hafenstadt Marsa aufs Land. Aufgrund organisatorischer Problemen und den Johannitern zur Hilfe eilender Spanier sah sich die osmanische Flotte gezwungen am 8. September 1565 nach viermonatigen Belagerung zurückzuziehen. Der osmanische Generalgouverneur von Tunesien, der berühmte Dragot (türkisch: Turgut Reis) wurde bei den Kämpfen schwer verwundet und erlag seinen Verletzungen und wurde in Tripolis begraben.* Noch heute wird dieser Ort „Dragot-Point“ genannt. Seitdem wird in einigen Ortschaften auf Malta im ersten Septemberwochenende das Ende der „Großen Belagerung“ festlich gefeiert.

Im Jahre 1798 übergab der einzige deutsche und letzte Johanniter-Großmeister Ferdinand von Hompesch, der einzige Sprecher der maltesischen Sprache unter den Orden-Großmeistern, die Insel an Napoleons Armee. Im Jahre 1800 besetzten die Briten die Insel und blieben bis 1964 als Kolonialherren auf der Insel.

Die sich wechselnden Herrscher der Insel beeinflussten u.a. auch die Sprache der Malteser. Durch die Johanniter galt für längere Zeit Italienisch als Amtssprache und wurde vom Adel gesprochen. Mit den Briten kamen auch die Einflüsse der englischen Sprache. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte das Malti als eine Schriftsprache, die aber erst im Jahre 1934 zur Amtsprache neben Englisch sich etablieren konnte. Eine mehr oder weniger verbindliche Orthografie mit lateinischen Buchstaben und eigenen Sonderzeichen für die Wiedergabe der ursprünglich arabischen Laute gelang auch zu dieser Zeit. Die Einflüsse der nichtarabischen Sprachen begrenzten sich aber nur im Vokabular. So wird gern Malti als die einzige semitische Sprache mit lateinischen Buchstaben definiert.

ic-cimiterju tat-torok – Der türkisch-osmanische Friedhof

mal1Die nächste Überraschung diesmal aber trauriger Natur erlebt man in der Stadt Marsa. In Marsa befindet sich ein ziemlich unbekannter Ort, der in keinem deutschsprachigen Reiseführer weder abgebildet noch erwähnt ist: „ic-cimiterju tat-torok“ auf Malti oder „Turkish Cemetery“, wie er von den britischen Besatzern der Insel genannt wurde. Somit kamen die Osmanen mit der Insel Malta noch einmal in Berührung diesmal in Form eines Friedhofs.

Es handelt sich bei „ic-cimiterju tat-torok“ um einen Friedhof mit auf Malta verstorbenen Muslimen aus allen Nationalitäten aus spätosmanischer Zeit. Die Ursprünge könnten sogar in der „Großen Belagerung“ vom 1565 durch die osmanische Flotte liegen. Wie erwähnt gingen die osmanischen Soldaten bei der „Großen Belagerung“ im Jahre 1565 bei der Hafenstadt Marsa aufs Land und schlugen ihr Lager dort auf. Da es bei den Kämpfen zahlreiche Verluste zu verzeichnen waren, wurden auch eventuell die verstorbenen Soldaten in Marsa vor Ort beerdigt. Somit könnte sich dieser Ort auch Jahre später zu einem Friedhof der in Gefangenschaft verstorbenen Muslime auf Malta entwickelt haben. Zur Zeit der Johanniter war sogar ein kleiner Gebetsraum für die osmanischen Sklaven neben diesem Friedhof vorhanden. Als die Briten im 19. Jahrhundert diesen Bereich ausbaggerten, um den Grund eines Baches zu erweitern, zerstörten sie den Friedhof. Als Kompensation boten sie der osmanischen Regierung ein anderes Stück Land in Marsa an, auf dem der heutige osmanische Friedhof sich befindet.

Dieses Grundstück wurde durch einen Vertrag zwischen dem osmanischen Generalkonsul auf Malta Antonio Nagum Dohani Efendi – dem Namen nach nichtmuslimischen Glaubens – und dem maltesischen Finanzbeamten Hon. Dr. Giovanni Battista Trapani am 11. Juni 1873 abgeschlossen. Im Jahre 1290 nach osmanischer Zeitrechnung (1874 n. Ch.) wurde der Friedhof fertig gestellt und galt fortan als osmanisches Territorium und diente für die auf Malta verstorbenen Muslime als Ruhestätte. Die Überreste aus dem alten Friedhof wurden auch dann in dieser neuen Grabstätte beigesetzt.

skizzeDie Architektur des Friedhofs

Die Bauten auf dem Friedhof wurden im Grabmal-Stil der moghulisch-islamischen Zeit aus dem 17. Jahrhundert von einem Architekten namens E. L. Cazilia zur Herrscherzeit des osmanischen Sultans Abdulaziz (1861 – 1876) errichtet. Die Architektur ähnelt dem Ibrahim-Ravza-Mausoleum in Bidjapur/Dekkan in Indien, das durch Ibrahim Adil Schah (1580-1627) erbaut wurde. Als Material wurde der für die Insel typische Globigerinenkalk (Kalksandstein) mit sandbrauner Farbe benutzt.

Das viereckige Friedhofsgelände umfasst ungefähr 1000m² und hat eine äußere Umfassungsmauer und eine von dieser äußeren etwa 5 m entfernte innere Mauer mit reichen orientalischen Verzierungen und Ziertürmchen in Form von Minaretten. In den Hauptteil mit den Gräbern gelingt man durch ein mit einer osmanischen Tugra (Zeichen des Sultans) Abdulaziz Khans geschmücktes Tor. Der Eingang wurde in Form eines hufeisenförmigen Portals konzipiert, das uns aus Andalusien und Nordafrika bekannt ist. Auch die anderen Toren der Anlage haben eine solche Form. In der linken Seite des zum hinteren Bauteil führenden Ganges befinden sich die Gräber der nichtosmanischen und auf der rechten Seite die der osmanischen militärischen Verstorbenen, die hauptsächlich durch die Briten im ersten Weltkrieg gefangen genommen und auf die Insel gebracht worden waren.

In der Mitte des hinteren Bauteils befindet sich die Inschrift des Friedhofs in Französisch einführend mit einigen Versen aus dem Koran über Auferstehung und Tod (Takwir:1-2 und Al-Qiyamah: 40) und darauf folgend der Name des osmanischen Sultans Abdulaziz als Bauherr, seines Generalkonsuls auf Malta, des Architekten sowie das Baujahr. Auf dem oberen Teil dieser Inschrift wurde nachträglich im Jahre 1335 osmanischer Zeitrechnung (1919 n Ch.) der folgende Vermerk in der osmanischen Rik’a-Schrift angebracht: „Dieser Friedhof wurde zur Herrscherzeit des Sultans der Osmanen Sultan Abdulaziz Khan im Jahre 1290 der Higra errichtet./Die Restauration des Gebetsplatzes durch Esref (sprich: Eschref ) Bey im Jahre 1335″(1919 n. Ch – Vermerk des Autors). Rechts und links von der Inschrifabide-eingangt befindliche Räume wurden als Waschhalle für Leichen und als Moschee benutzt. Diese beiden Räume sowie der Torbau wurden mit zwiebelförmigen Kuppeln bekrönt und haben an den jeweils vier Ecken Ziertürmchen in Form von Minaretten. Außenwände des Gebäudes sind reich mit Mustern verziert, die als Flachreliefs ausgeführt sind und die sich auch an den Ziertürmchen und Minaretten wiederholen.

Der oben erwähnte Esref Bey ließ im rechten Teil des Friedhofs ein ca. 3 m hohes Denkmal mit den Namen des dort beigesetzten Militärs errichten. Dort heißt es: „O Besucher! Dieses Denkmal ist zur Wiederbelebung des Andenkens der während des Weltkrieges auf  Malta in der Gefangenschaft Verstorbenen vom Kommandeur der Mudschahidin, Esref Bey, als Schenkung errichtet. Beten Sie für ihr Seelenheil. Fatiha

Eşref Bey und Malta

Als die osmanische Armee im ersten Weltkrieg kapitulierte, besetzten die Briten Istanbul und ließen alle namhaften Persönlichkeiten in Istanbul von 1919 an inhaftieren. Entsprechend ihrer damaligen Politik schickten sie diese ins Exil auf die Insel Malta. Einige dieser Personen befanden sich etwa zwei Jahre bis 1921 in Malta. Eşref Bey, besser gesagt „Kuşçubaşı (sprich: Kusch-tschubasche) Eşref Sencer (sprich: Sen-dscher) Bey“, ein bewundernswert eifriger Offizier der osmanischen Armee, gehörte nicht zu diesen Inhaftierten aus Istanbul, obwohl er sich auch in Malta befand. Er war der zweite Mann in der osmanischen Teskilat-i Mahsusa (Organisation für Sonderaufgaben), eine Art geheimdienstliche Spezialeinheit mit weltweit über 30 000 verdeckten Mitarbeitern, die für die Spionageabwehr, Spionage und Widerstandorganisation in verschiedenen Ländern inner- und außerhalb des Osmanischen Reiches gegen die damalige Kolonialmächte zuständig waren. Das Dienstgebiet von Esref Bey war Arabien und er sorgte dafür, die loyalen arabischen Stämme gegen die kolonialen Briten zu organisieren und sie mit Waffen und Geld zu unterstützen. Sozusagen war er der Gegenpart von „Lawrence von Arabien.“ Als er eine Eisenbahnfracht mit Waffen und Geld für den Widerstand in Arabien begleitete, wurde er nach einem Gefecht mit britischen Soldaten im Jahre 1917 gefangen genommen und mit den übrigen gefangenen Armeekommandanten aus der arabischen Insel nach Ägypten und von dort nach Malta geführt. Dort organisierten diese Gefangenen unter seiner Führung unter anderem auch die Restauration des osmanischen Friedhofs auf Malta.

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Nach 1919 bzw. dem Ende des Osmanischen Reiches überließ man den Friedhof seinem Schicksal. Erst 1996 wurde er wiederentdeckt, als sich der verstorbene Vorstandsvorsitzende der türkischen Garanti-Bank, Ayhan Sahenk, anlässlich einer Filialeröffnung auf Malta befand und durch einen Fond die Kosten für die Restauration des Friedhofs von 1996 bis 1999 von der Garanti-Bank übernehmen ließ. „Ic-cimiterju tat-torok“ gilt immer noch als türkisches Territorium und dort finden aus Denkmalschutzgründen keine Beisetzungen mehr statt. Das Gehalt des Gärtners aus der Familia Casha, die sich seit 3 Generationen um die Pflege der Gartenanlage sorgt, wird von der türkischen Regierung getragen; das alles aber ist lediglich ein kleiner Tropfen auf dem heißen Eisen. In fernmündlichen Gesprächen identifizierten sich überzeugend sowohl der Filialleiter der Garanti-Bankasi auf Malta als auch die für Malta zuständigen Botschaftsangehörigen der türkischen Regierung in Vatikan mit dem „Osmanischen Friedhof“ und zeigten sich besorgt um seine Zukunft. Es müsste aber alsbald darüber hinaus für die Restauration und Instandhaltungsmaßnahmen, sowie die historische und architektonische Erfassung und Dokumentation des Komplexes finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die wissenschaftliche Dokumentation könnte doch ein Student der Architektur oder der Geschichte als Magister- oder Promotionsarbeit übernehmen, durch welche gewiss viele zurzeit offen stehende Fragen wie z.B. über den Architekten, die Baukosten, die Wahl dieses Baustils, die Baumeister etc. beantwortet werden könnten. Für Erhalt und Restauration wird wohl leider der osmanische Friedhof auf eine Stiftung einiger guter Muslime vergebens warten müssen.

Die Leser wurden nun jetzt durch die Lektüre dieses Artikels in einer Art und Weise zu Besuchern des muslimisch-osmanischen Friedhofs auf Malta. So möchten sie sich freundlicherweise der höflichen Bitte von Esref Bey an die Besucher des Friedhofes folgen, wenn sie jetzt mit diesen letzten Sätzen den Rundgang auf dem Friedhof beenden: „Beten Sie für ihr Seelenheil ein Al-Fatiha“.

* Ich bedanke mich bei Herrn Bashir Ahmad Dultz, der mich auf diese beiden Punkte aufmerksam gemacht hat.

Und das ganze auf Bosnisch: hier

  1. 2009 Februar 11

    Die Infos sind wirklich interessant. Ich nehme mir zwar seit 2 Jahren vor, Malte zu besuchen, leider wurde bisher darauf nichts.

  2. 2009 Februar 11

    excellent sehr schön great danke für die mühe

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