* Gedanken über eine demokratisch gewählte Vetretung für Deutschlands Muslime – Von Sami Alphan, Köln | Erschienen am 06.07.2005
„Die Debatte“: Wie soll sich der Islam zukünftig in Deutschland organisieren?
Erschienen in www.islamische-zeitung.de vom 06.07.2005
Gedanken über eine demokratisch gewählte Vertretung für Deutschlands Muslime – Von Sami Alphan, Köln
Frankreich und Belgien haben ihre Ansprechpartner für die Muslime ihrer Länder wählen lassen . In Zukunft werden in islamischen Fragen diese gewählten Mitglieder der Räte nun die Muslime vertreten. Ähnlich wird es auch in Österreich gehandhabt, wobei dies auf das so genannte Islamgesetz vom 15. Juli 1912 zurückgeht, das die Interessen der dort ansässigen Muslimen wahrt. In Belgien wurde nach der Ölkrise im Jahre 1974 der Islam offiziell als Religion anerkannt, womit Belgien gegenüber den Ölstaaten eine Sympathiebotschaft schickte. Frankreich kam als Nachzügler und rief solch ein Institut nach den Ereignissen nach 11. September ins Leben.
Es ist eigentlich auch das ideale Modell für all die übrigen europäischen Länder, insbesondere Deutschland, in denen eine nicht unwesentliche Anzahl von Muslimen lebt und inzwischen dort heimisch geworden ist. Ein solcher Schritt würde sowohl für Deutschlands Muslime als auch für den deutschen Staat nur Vorteile bringen. Jahrelang trauerten beide Seiten über das gestörte Verhältnis zwischen Staat und Muslimen. Es gebe keine gemeinsamen Ansprechpartner, hieß es einerseits; man werde nicht gehört und nicht gefragt, wenn es um islamische Angelegenheiten geht, beklagte die andere Seite. Mühselig entstandene Räte, und daneben ebenso große Organisationen, die in keinem Rat Mitglied sind, versuchen hierzulande, für Muslime zu sprechen. Nicht selten scheitern wichtige Projekte an Vereinsmeiereien jener Vorstände, die für das Allgemeinwohl der Muslime ihre Interessen aufzuopfern nicht bereit sind. Lorbeeren bekam manchmal dieser oder jener Rat oder Organisation je nach politischer Lage des Landes verteilt, aber auch auf Abruf fallengelassen, sodass im Endeffekt die Leidtragenden die breite Gemeinschaft der Muslime samt derjenigen waren, die zwar in keinem Verein Mitglied sind, aber dennoch ihre Bindung zum Koran und Islam offenkundig sehen. Durch demokratisch und freiheitlich organisierte Wahlen würden die Muslime ihre Vertreter in Deutschland selbst wählen. Wer die Sache des muslimischen Lebens ernst nimmt und mehr Mitglieder mobilisieren kann, wird dann eben auch mehr Stimmrecht in solch einem Rat finden.
Einer der Gründe, warum die deutsche Politik in diesem Punkte zögerlich handelt, könnte wohl sein, dass sie nach den Wahlen als Vertreter der Muslime Gesichter sehen könnten, die ihnen nicht angenehm sind. Daher muss der Staat vor solch einer Wahl die Lösung jener Frage finden und somit für klare Verhältnisse sorgen: Was ist mit den als verfassungsfeindlich eingestuften Organisationen? Inwieweit sind sie verfassungsfeindlich? Wer oder was macht sie verfassungsfeindlich? Oder werden sie instrumentalisiert? Einzelne Personen, die zeitweise mit solch einer Organisation sympathisiert haben, werden bestraft, indem man ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert, andererseits darf die Organisation selbst weiterhin bestehen bleiben. Wird dieses Paradox etwa damit rechtfertigt, dass einzelne Personen sich nicht so wehren können, wie eine große Organisation? Die Existenz einiger Millionen Muslime kann auf die Dauer nicht ignoriert werden, und es darf bei wichtigen Entscheidungen, die das muslimische Leben betreffen, nicht über sie hinweggesehen werden. Die Muslime müssen mit entscheiden, wenn es um sie und ihre Belange geht. Ein demokratisch-aufklärerisches Grundgesetz, auf das man immer stolz ist und hinweist, setzt dies voraus. Also „sapere aude!“, demokratisches Deutschland.